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Buchtipps

Der Juni-Buchtipp der Buchhandlung Thaer: Celeste Ng "Kleine Feuer überall"

Buchhandlung Thaer, Bundesallee 77, 12161 Berlin, Tel.: 030/852 79 08, Fax: 030/852 33 35, E-Mail: mail(at)thaer.de

 

Thaer Jun 18

Celeste Ng „Kleine Feuer überall“

Übersetzung: Brigitte Jakobeit

Dtv

22 Euro

 

Nachdem ich so begeistert war von Ng’s letztem Roman „Was ich euch nicht erzählte“ stürzte ich mich sofort auf ihr neues Buch.

In Shaker Heights, einem schönen, friedlichen und reichen Vorort von Cleveland, Ohio leben die Richardsons. Elena, Journalistin, ihr Mann, ein Anwalt und vier halbwüchsige Kinder. Alle wohlgeraten bis auf Izzy, die jüngste.
Elena steht vor ihrer abgebrannten Villa und starrt auf die Ruinen ihres Lebens. Der Verdacht fällt auf Izzy, die gleichzeitig mit dem Brand verschwunden ist.

Das Leben der Richardsons wird aufgerollt und in Beziehung zu der Künstlerin Mia und deren Tochter Pearl, die Mieter der Familie werden, gesetzt. Zwei vollkommen unterschiedliche Lebensentwürfe entfalten sich: hier die freiheitsliebende, kreative, faszinierende Künstlerin und dort die nach strengen Regeln lebende, ordentlichen und wohlhabende Anwaltsfamilie. Die Kinder freunden sich stark miteinander an, bald gehört Pearl praktisch „zur Familie“.
Bei einem Konflikt, der sich um das Thema wem Kinder eigentlich „gehören“ dreht, spitzt sich das Geschehen dramatisch zu und endet in einer Art Flächenbrand.

Hervorragend und mit großer Tiefenschärfe zeichnet die amerikanische Autorin Ng (sprich: Ing), chinesischer Abstammung, die interessanterweise selbst in Shaker Heights gelebt hatte, die Charaktere. Sehr gut gefiel mir, dass sie schwierige Themen wie z.B. das Aussetzen von Kindern und ob dadurch das Recht Mutter zu sein, verwirkt ist oder auch Abtreibungen so behandelt, dass es keine Seite nur „richtig“ oder „falsch“ ist. Das Handeln der Frauen wird nachvollziehbar gemacht, egal ob man nun als Leser/in damit einverstanden ist oder nicht.

Ein psychologisch sehr fein beobachteter Familienroman, der von der ersten bis zur letzten Seite fesselt und bewegt.
Elvira Hanemann

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Der Mai-Tipp der Buchhandlung Thaer: Milena Michiko Flasar "Herr Katō spielt Familie"

Buchhandlung Thaer, Bundesallee 77, 12161 Berlin, Tel.: 030/852 79 08, Fax: 030/852 33 35, E-Mail: mail(at)thaer.de

 

Thaer Mai 18

 

Milena Michiko Flašar

Herr Katō spielt Familie

Wagenbach Verlag 20 Euro

 

Milena Michiko Flasar, 1980 in St. Pölten als Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters geborgen, hat in Wien und Berlin Komparatistik, Germanistik und Romanistik studiert. Nach ihrem schönen, ebenfalls im Wagenbach Verlag erschienenen „Ich nannte ihn Krawatte“ legt sie nun ihren neuen Roman vor.

Herr Katō lebt mit seiner Frau alleine in ihrem schönen Haus irgendwo in Japan auf dem Hügel, die Kinder sind aus dem Haus, er ist in Rente und weiß wenig mit sich anzufangen. Den Plan, mit seiner Frau nach Paris zu fahren verschiebt er immer weiter, die Träume von einem kleinen weißen Spitz tauchen auf und ziehen vorbei und sein Vorhaben, den alten Kollegen Ito zu besuchen – ach ja, irgendwann mal…

Während Herr Katō eigentlich mehr oder weniger gar nichts macht, belegt seine Frau einen Tanzkurs und blüht auf, während er sich noch nicht mal dazu aufraffen kann, das alte Radio zu reparieren. Eines Tages lernt er im Park Mie, eine junge Frau kennen, die ihn durch ihre entschlossene Art nahezu überrumpelt und ihn dazu bringt, als „Stand-in“, für ihre „Happy-Family“-Agentur zu arbeiten. Er wird dort schauspielern – als Ersatzgroßvater, als Hochzeitsgast oder als Ehemann, wo er „Familie spielt“ – für andere –, während seine eigene Familie ihm immer fremder wird.

Mit stilistischer Leichtigkeit und heiterer Melancholie erzählt Flasar von unterschiedlichsten Schicksalen, von Menschen die zu wenig miteinander sprechen, zu vieles verschweigen und auch vom Älterwerden. Ein warmes, einfühlsames, unaufgeregtes, zartes und sehr schönes Buch!

Elvira Hanemann

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Der April-Tipp der Buchhandlung Thaer: Szczepan Twardoch "Der Boxer"

Buchhandlung Thaer, Bundesallee 77, 12161 Berlin, Tel.: 030/852 79 08, Fax: 030/852 33 35, E-Mail: mail(at)thaer.de

 

Thaer Apr 18

Szczepan Twardoch

Der Boxer

Übersetzer: Olaf Kühl

Rowohlt Verlag  22,95 Euro



Twardoch, geb. 1979, hatte seinen Durchbruch 2012 mit „Morphin“, für seinen Roman „Drach“ erhielt er den höchsten Literaturpreis Polens „Nike“ . Sein neuer Roman „Der Boxer“  bekommt nicht nur in den Feuilletons hervorragende Besprechungen, sondern kommt auch bei den Lesern sehr gut an.

Kein Wunder, denn es handelt sich um ein Buch, das ich – einmal angefangen – nicht mehr aus der Hand legen konnte und wollte. Die Handlung spielt in Warschau des  Jahres  1937, Jakub Shapiro ist ein großartiger Boxer, Jude, ein attraktiver Mann und Mitglied einer mafiösen Bande. Beim Eintreiben der Schutzgelder befolgt er die Anweisungen des „Paten“ und tötet Naum Bernstein, einen frommen Juden, der sich weigerte, Schutzgeld zu zahlen. Dessen  halbwüchsiger Sohn – der Ich-Erzähler  des Romans– wird jedoch in die Familie Shapiros aufgenommen.

Neben der eigentlichen Handlung, die sich Shapiros Leben, seiner Familie, der „Arbeit“, dem Boxen und seinen Liebschaften widmet, werden auch die politischen Kämpfe im Vorkriegs-Warschau dargestellt.  Das Aufkommen der faschistischen Gruppen, das Festhalten der Sozialisten an ihren Idealen, der erstarkende Zionismus, aber auch die wie selbstverständlich erscheinenden Verbindungen quasi aller politischen Gruppierungen mit kriminellen Banden vermittelt uns Twardoch mit einer unglaublichen literarischen Kraft. Eine Atmosphäre des drohenden Unheils schwebt über der Stadt, man spürt geradezu die dunkle Wolke, die sich –nicht nur – über den polnischen Juden zusammenzieht.

Es gibt hier (nahezu) keine Guten, doch sehr viele Böse, sehr viel Gewalt und Brutalität. Auch wenn das an manchen Stellen fast zu intensiv ist, zieht einen das Buch dank seiner bildmächtigen Sprache, und des sinnlich-mitreißenden Stils absolut in seinen Bann. Durch eine kluge Erzählperspektive entstehen dann noch einige überraschende Wendungen, die verblüffen und begeistern.

Szczepan Twardoch  ist eine echte Entdeckung, ein Autor von hohem Format – literarisch anspruchsvoll und extrem spannend!

Elvira Hanemann

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Der März-Tipp der Buchhandlung Thaer: Arno Geiger "Unter der Drachenwand"

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Thaer Mrz 18

Arno Geiger

Unter der Drachenwand

Hanser Verlag

26 Euro

 

Arno Geiger, geboren 1968 in Bregenz, arbeitete nach einem Studium der Deutschen Philologie, Alten Geschichte und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Wien und Innsbruck  als Videotechniker.  Seit er 1996 zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb eingeladen wurde, ist er freier Schriftsteller. Mit „Es geht uns gut“ (2005) war er der erste Träger des Deutschen Buchpreises.  Nach seinem großen Erfolg mit „Der alte König in seinem Exil“ und weiteren Büchern hat er nun wieder einen neuen Roman veröffentlicht.

Wir befinden uns im Jahre 1944 in einem kleinen österreichischen Ort namens Mondsee. Ein Ort gleich neben einem Berg, der Drachenwand. Veit Kolbe, Soldat, kehrt wegen einer schweren Verwundung auf Urlaub aus dem Russlandeinsatz zurück nach Wien. Bei seiner Familie, überzeugten Nazis, hält er es nicht aus, er zieht aufs Land nach Mondsee. Er wartet auf das Ende des Krieges, doch er hat große Angst, wieder eingezogen zu werden.

Ein möbliertes Zimmer bei einer nur vom Endsieg faselnden Zimmerwirtin, zögerliche Kontakte zu einer Lehrerin eines nahegelegenen Schullandheims, Gespräche mit einer wachen Schülerin sowie eine scheue Freundschaft mit den gärtnernden Nachbarn, dem „Brasilianer“ prägen sein Leben dort. Seine Zimmernachbarin, eine junge Mutter, deren Mann im Krieg ist, wird seine Geliebte. Veit, immer wieder von traumatischen Kriegserinnerungen heimgesucht und gegen seine Depression ankämpfend, findet in dieser Liebe Trost und so etwas wie die Ahnung von Glück und einem guten Leben.

Absolut bemerkenswert ist Arno Geigers Kunst, aus Briefen, Tagebuchnotizen und anderen Aufzeichnungen einen so „wahren“  Roman entstehen zu lassen, der mich an manchen Stellen glauben macht, ich höre meine Großeltern und deren Zeitgenossen sprechen. Er erzählt mit einer undramatisch daherkommenden Lakonie von der Absurdität des Krieges, die gerade wegen des nüchternen Tons unheimlich berührt. Ich fand Geiger schon immer gut, aber dieses Buch ist nochmal um vieles besser als alles was er bisher geschrieben hat. Ein echtes Meisterwerk!

Elvira Hanemann

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