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Buchtipps

Der August-Tipp der Buchhandlung Thaer: Meg Wolitzer "Das weibliche Prinzip"

Buchhandlung Thaer, Bundesallee 77, 12161 Berlin, Tel.: 030/852 79 08, Fax: 030/852 33 35, E-Mail: mail(at)thaer.de

Thaer Aug 18

Meg Wolitzer

Das weibliche Prinzip

Übersetzt von Henning Ahrens

Dumont Verlag

24 Euro

 

Meg Wolitzer, 1959 geboren, ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in New York City. Großen Erfolg hatte sie mit dem Roman „Die Interessanten“ (2014).

Die junge Studentin Greer lernt bei einem Vortrag, zu dem sie ihre lesbische politisch aktive Freundin Zee mitschleppt, Faith Frank kennen. Die ältere Frau ist eine Ikone der Frauenbewegung und beeindruckt Greer tief. Bald geht Greers Traum in Erfüllung: sie arbeitet mit Faith in einer Stiftung, die sich für Frauenrechte einsetzt. Greers bisherige glückliche Beziehung zu ihrem Freund Cory wird durch ein Trauma, das ihm widerfährt, auf eine harte Probe gestellt. Auch die Freundschaft zu Zee leidet unter Greers Ambitionen.

"Das weibliche Prinzip" liest sich trotz des hohen literarischen Anspruchs und der ernsten Themen mit leichter Hand geschrieben. Beim Lesen lebte ich mit den Charakteren so mit, dass ich mich darauf freute, morgens in der Bahn, in der Mittagspause und abends, nach getaner Arbeit, schnell wieder in das Buch versinken zu dürfen.

Ein Buch, das sowohl die Zeit der Altfeministinnen wie auch die top aktuellen Ereignisse als zeitpolitischen Hintergrund gekonnt mit einer bewegenden Roman über eine junge Frau, die ihren Weg sucht, verbindet. Liebe, Freundschaft, Verrat, Tod, enttäuschte Erwartungen. Vor allem stellt dieser Roman aber die große und wichtige Frage: Wie kann man sein Leben so führen, dass man Gutes tut - für sich und für die Welt? Eine Frage, die gerade heute in einer Zeit, in der sich viele dem Individualismus verschreiben oder aber schon resigniert haben und den Gedanken daran, dass man/frau die Welt auch ein bisschen verbessern kann, aufgegeben haben, immense Bedeutung hat. Dieses Buch ist kein politisches Pamphlet - nein, es ist einfach ein sehr gut geschriebener, einfühlsamer und spannender Roman für Menschen – Frauen und unbedingt auch für Männer! – von heute.

Absolut lesenswert!

Elvira Hanemann

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Die Juli-Empfehlung der Buchhandlung Thaer: George Saunders "Lincoln im Bardo"

Buchhandlung Thaer, Bundesallee 77, 12161 Berlin, Tel.: 030/852 79 08, Fax: 030/852 33 35, E-Mail: mail(at)thaer.de

Thaer Juli 18George Saunders

Lincoln im Bardo

Übersetzer: Frank Heibert

Luchterhand

25 Euro

 

George Saunders, dessen Kurzgeschichtenband „Zehnter September“ schon großes Lob erhalten hatte, legt nun seinen ersten Roman vor, der mit dem Man Booker Prize 2017 ausgezeichnet wurde.

Im Jahr 1862, Lincoln ist amerikanischer Präsident, stirbt dessen 11-jähriger Sohn an einem schlimmen Fieber. Er wird auf einem Friedhof in einer Gruft beigesetzt. Dieser Friedhof ist nun der Schauplatz des Romans. Bevölkert wird er von vielen teilweise höchst sonderbaren Figuren, die sich dem Neuzugang mit großem Interesse zuwenden. Der junge Willie Lincoln wird von seinem Vater des Nachts besucht, betrauert, berührt und liebkost. Das weckt in den Nachtgestalten schmerzhafte Erinnerungen an ihr früheres Leben, an das Leben in dem sie noch nicht in den „Krankenkisten“ waren und noch nicht von den Lebenden übersehen wurden.

Ein Geistlicher, ein junger Homosexueller und ein frischverheirateter Mann sind die Haupt„personen“ oder sollte man sie eher „Stimmen“ nennen? – die auf dem Friedhof „gehschweben“. Was, so fragt man sich, bedeutet „Bardo“? Im Buddhismus nennt man so die Zeit zwischen der Lösung vom bisherigen Leben und dem Eingehen in einen neuen Zustand. Die Menschen im Bardo verweigern sich der Erkenntnis, dass sie tot sind, dass sie in Särgen liegen, dass sie verwesen, sie behaupten steif und fest, sie seien nur krank. Sie können nicht loslassen und sind ihrem früheren Leben verhaftet.

Was ist dieses Buch? Eine Gruselgeschichte? Ein Gesellschaftspanorama, das Themen wie den Bürgerkrieg und die Sklaverei behandelt? Eine Geschichte von Trauer und Liebe? Er ist all das und noch viel mehr, denn es vereinigt Witz und todernste Philosophie mit Elementen des absurden Romans. Ungewöhnlich ist die Form, vorwiegend handelt es sich um eine lebhafte Ansammlung verschiedener Stimmen sowohl der Toten, die sich wie Untote benehmen und von zeitgenössischen historischen Zitaten. Sehr schnell gewöhnt man sich an diese sonst nicht übliche Stilform und man genießt – auch dank der hervorragenden Übersetzung - den abwechslungsreichen und vielstimmigen Chor der Stimmen, die sich zu einem beeindruckenden Ganzen fügen.

Ein trauriger, zärtlicher, brutaler, skurriler, manchmal auch lustiger - vor allem aber ein sehr menschlicher Roman, der sich beglückend vom Einheitsbrei des Mainstreams abhebt und einem zeigt, wie „anders“ und geistig anregend unkonventionelle Literatur sein kann!

Elvira Hanemann

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Der Juni-Buchtipp der Buchhandlung Thaer: Celeste Ng "Kleine Feuer überall"

Buchhandlung Thaer, Bundesallee 77, 12161 Berlin, Tel.: 030/852 79 08, Fax: 030/852 33 35, E-Mail: mail(at)thaer.de

 

Thaer Jun 18

Celeste Ng „Kleine Feuer überall“

Übersetzung: Brigitte Jakobeit

Dtv

22 Euro

 

Nachdem ich so begeistert war von Ng’s letztem Roman „Was ich euch nicht erzählte“ stürzte ich mich sofort auf ihr neues Buch.

In Shaker Heights, einem schönen, friedlichen und reichen Vorort von Cleveland, Ohio leben die Richardsons. Elena, Journalistin, ihr Mann, ein Anwalt und vier halbwüchsige Kinder. Alle wohlgeraten bis auf Izzy, die jüngste.
Elena steht vor ihrer abgebrannten Villa und starrt auf die Ruinen ihres Lebens. Der Verdacht fällt auf Izzy, die gleichzeitig mit dem Brand verschwunden ist.

Das Leben der Richardsons wird aufgerollt und in Beziehung zu der Künstlerin Mia und deren Tochter Pearl, die Mieter der Familie werden, gesetzt. Zwei vollkommen unterschiedliche Lebensentwürfe entfalten sich: hier die freiheitsliebende, kreative, faszinierende Künstlerin und dort die nach strengen Regeln lebende, ordentlichen und wohlhabende Anwaltsfamilie. Die Kinder freunden sich stark miteinander an, bald gehört Pearl praktisch „zur Familie“.
Bei einem Konflikt, der sich um das Thema wem Kinder eigentlich „gehören“ dreht, spitzt sich das Geschehen dramatisch zu und endet in einer Art Flächenbrand.

Hervorragend und mit großer Tiefenschärfe zeichnet die amerikanische Autorin Ng (sprich: Ing), chinesischer Abstammung, die interessanterweise selbst in Shaker Heights gelebt hatte, die Charaktere. Sehr gut gefiel mir, dass sie schwierige Themen wie z.B. das Aussetzen von Kindern und ob dadurch das Recht Mutter zu sein, verwirkt ist oder auch Abtreibungen so behandelt, dass es keine Seite nur „richtig“ oder „falsch“ ist. Das Handeln der Frauen wird nachvollziehbar gemacht, egal ob man nun als Leser/in damit einverstanden ist oder nicht.

Ein psychologisch sehr fein beobachteter Familienroman, der von der ersten bis zur letzten Seite fesselt und bewegt.
Elvira Hanemann

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Der Mai-Tipp der Buchhandlung Thaer: Milena Michiko Flasar "Herr Katō spielt Familie"

Buchhandlung Thaer, Bundesallee 77, 12161 Berlin, Tel.: 030/852 79 08, Fax: 030/852 33 35, E-Mail: mail(at)thaer.de

 

Thaer Mai 18

 

Milena Michiko Flašar

Herr Katō spielt Familie

Wagenbach Verlag 20 Euro

 

Milena Michiko Flasar, 1980 in St. Pölten als Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters geborgen, hat in Wien und Berlin Komparatistik, Germanistik und Romanistik studiert. Nach ihrem schönen, ebenfalls im Wagenbach Verlag erschienenen „Ich nannte ihn Krawatte“ legt sie nun ihren neuen Roman vor.

Herr Katō lebt mit seiner Frau alleine in ihrem schönen Haus irgendwo in Japan auf dem Hügel, die Kinder sind aus dem Haus, er ist in Rente und weiß wenig mit sich anzufangen. Den Plan, mit seiner Frau nach Paris zu fahren verschiebt er immer weiter, die Träume von einem kleinen weißen Spitz tauchen auf und ziehen vorbei und sein Vorhaben, den alten Kollegen Ito zu besuchen – ach ja, irgendwann mal…

Während Herr Katō eigentlich mehr oder weniger gar nichts macht, belegt seine Frau einen Tanzkurs und blüht auf, während er sich noch nicht mal dazu aufraffen kann, das alte Radio zu reparieren. Eines Tages lernt er im Park Mie, eine junge Frau kennen, die ihn durch ihre entschlossene Art nahezu überrumpelt und ihn dazu bringt, als „Stand-in“, für ihre „Happy-Family“-Agentur zu arbeiten. Er wird dort schauspielern – als Ersatzgroßvater, als Hochzeitsgast oder als Ehemann, wo er „Familie spielt“ – für andere –, während seine eigene Familie ihm immer fremder wird.

Mit stilistischer Leichtigkeit und heiterer Melancholie erzählt Flasar von unterschiedlichsten Schicksalen, von Menschen die zu wenig miteinander sprechen, zu vieles verschweigen und auch vom Älterwerden. Ein warmes, einfühlsames, unaufgeregtes, zartes und sehr schönes Buch!

Elvira Hanemann

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