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Julie Otsuka
Wovon wir träumten
Übersetzerin: Katja Scholtz
ISBN 978-3-86648-179-4
160 Seiten
Mare Verlag
18 Euro
Ein kleines feines Büchlein aus dem Mare Verlag ist mir in die Hände gefallen. Zum Glück! Denn so bin ich an ein äußerst ungewöhnliches Buch geraten, dessen Lektüre mich sehr beeindruckt hat:
Julie Otsuka, geb. 1962, japanischer Herkunft, wuchs in Kalifornien auf, studierte in Yale, arbeitet als Malerin und Schriftstellerin. Sie lebt heute in New York. „Wovon wir träumten“ – ihr zweites Buch - gewann den PEN Faulkner Award. Sie war Guggenheim-Stipendiatin. Vorher veröffentlichte sie schon „When the emperor was divine“, das aber nicht ins Deutsche übersetzt wurde. „Wovon wir träumten“ erschien 2011 in den USA unter dem Titel „The Buddha in the Attic“.
In diesem berührenden kleinen Roman schildert die Autorin das Schicksal von Japanerinnen, die Anfang des 20. Jahrhunderts als Bräute von in den USA lebenden Japanern mit dem Schiff nach Amerika kamen. Sie kannten ihre Ehemänner nur aus Briefen und Fotografien. Aus bitterer Armut kommend erhofften sie sich ein besseres Leben, doch bald stellten sie fest, dass die harte Arbeit auf den Reisfeldern in Japan nur durch die harte Arbeit auf Erdbeer- und Maisfeldern ersetzt wurde, dass sie von den Ehemännern als Arbeits- und Sexkräfte geheiratet wurden und von den Amerikanern mit blankem Rassismus behandelt wurden.
Als dann der 2. Weltkrieg anbrach, verschlimmerte sich die Situation der in den USA lebenden Japanern auf drastische Weise, Diskriminierung, Enteignung und Unterbringung in Arbeitslagern war ihr Schicksal.
Auch wenn einem diese geschichtliche Tatsache schon bekannt war, erschüttert Otsukas Buch durch ihren ungewöhnlichen Erzählstil. Es gibt keine Hauptfiguren, keine einzelnen Heldinnen, sondern sie lässt die Japanerinnen im Kollektiv sprechen. Viele in Stichpunkten angerissene Einzelschicksale ergeben so ein Bild vom Schicksal von allen. Anfangs wundert man sich darüber, so sehr ist man gewohnt, sich mit e i n e r Frau oder e i n e r Familie zu identifizieren um etwas über die Historie zu erfahren, dass es einem als Leser seltsam vorkommt, das mal anders präsentiert zu bekommen. Bald aber ist man fasziniert, begeistert und tief bewegt.
Man/frau ist es so gewohnt, sich in einzelne Heldinnen hineinzuversetzen, historische und politische Abläufe aus der Sicht von einzelnen Menschen zu sehen, vielleicht noch von einer bestimmten Familie aus gesehen oder von einem eng begrenzten Romanpersonal. Wenn jemand dieses Schema so radikal durchbricht, dann ist das an sich schon ungewöhnlich aber deshalb nicht schon zwangsläufig gut. Ich jedenfalls kann mich nicht erinnern, schon einmal so etwas gelesen zu haben, wo aus unzähligen Einzelstimmen ein Universalschicksal dargestellt wurde. Das ist sehr ambitioniert und riskant. Die Autorin wagt etwas Neues, das sicher auch nicht jedem Leser/jeder Leserin gefällt. Denn es ist ja auch ganz schön, mit zu fühlen, mit zu leiden oder sich mit zu freuen am Schicksal einer Einzelperson, deren Charakter einem gut und differenziert beschrieben wird. Diese Lust bedient Julie Otsuka nun überhaupt nicht.
Wir lernen Neues über die jüngere Geschichte – wir sind berührt – wir sind traurig – wir sind bitter – wir fühlen uns ein. Dass das Julie Otsuka ohne die üblichen populären belletristischen Stilmittel gelingt, das finde ich einfach großartig!
Fazit: ein kleines Meisterwerk, ein originelles und bemerkenswertes Buch!
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