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Der September-Tipp der Buchhandlung Thaer: Andrea van Bebber "Perlen vor die Säue"

Buchhandlung Thaer, Bundesallee 77, 12161 Berlin, Tel.: 030/852 79 08, Fax: 030/852 33 35, E-Mail: mail(at)thaer.de

Thaer Sep 19

Andrea van Bebber

Perlen vor die Säue

Kalliope paperbacks

18 Euro

 

Der Mauerfall jährt sich 2019 zum dreißigsten Mal. Und dennoch ist das Wissen um die Verhältnisse im jeweils anderen Teil Deutschlands immer noch zu gering. Vielleicht gelingt es der Belletristik besser als Sachbüchern, ein tieferes Verständnis zu wecken? Der neue Roman von Andrea von Bebber, die Musiktherapeutin, Musikerin und Schriftstellerin ist, eignet sich hervorragend dazu – gerade für Westdeutsche –, um Einblicke in das Leben von Widerständigen in der DDR zu bekommen. Es ist nicht ganz unwichtig, zu erwähnen, dass es sich um die Bearbeitung eines authentischen Falles handelt.

Wir befinden uns in den 70er-Jahren, Paula lebt in der Nähe von Eisenach, als aufmüpfiger Teenager gerät sie in Konflikt mit den Autoritäten. Was in freien Ländern allenfalls einen Schulverweis oder Gespräche mit den Schuldirektoren nach sich zöge, führte in der DDR allerdings zu weit Schlimmerem. Der Weg eines jungen Mädchens, einer jungen Frau, die sich nichts anderes als persönliche Freiheiten wünscht, wird in beeindruckender Weise erzählt. Besuche von der Stasi, Androhungen, ihr Kind wegzunehmen, bis hin zu einer längeren Haftstrafe in dem berüchtigten Frauengefängnis Hoheneck sind Stationen ihres Lebens. Eines Lebens, das sie – auch nachdem ihr die Ausreise in die BRD geglückt war – schwer beschädigt hat.

Ein weiterer Handlungsstrang spielt in der Jetztzeit. Jonas, ein junger Altenpfleger und der Sohn von Paula, lernt eine ältere Dame im Heim immer besser kennen und schätzen. Als diese beginnt, sich ihm zu öffnen und aus ihrem Leben zu erzählen, erschließen sich ihm immer mehr Zusammenhänge zu dem Leben seiner Mutter. Doch diese möchte absolut nichts von seinen Geschichten über die alte Frau wissen, denn auch sie erkennt langsam, wer das sein könnte und welche Rolle sie damals gespielt hatte.

Durch das Gegeneinandersetzen dieser beiden Erzählebenen entsteht eine Spannung, die sich erst gegen Ende des Romans auflöst. Doch auch ohnedies wäre der Text spannend genug gewesen! Sehr gut gefiel mir die Darstellung der Protagonisten als fehlbare menschliche Wesen, mit vielen Ecken und Kanten. Weit entfernt von einer simplen Opfer-Täter- oder Gut-böse-Einteilung werden hier echte Menschen beschrieben. Dass man als Leser dann trotzdem Schlüsse zieht, was gut und böse ist, steht auf einem anderen Blatt.

Ein sowohl inhaltlich aufschlussreicher wie auch stilistisch ausdrucksstarker Roman!

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