Friedenau-Panorama mit dem Friedenau-Netzwerk-Logo

Der Januar-Buchtipp der Buchhandlung Thaer: Alexander Osang "Die Leben der Elena Silber"

 Buchhandlung Thaer, Bundesallee 77, 12161 Berlin, Tel.: 030/852 79 08, Fax: 030/852 33 35, E-Mail: mail(at)thaer.de

Thaer Jan 20

Alexander Osang

Die Leben der Elena Silber

Fischer Verlag

24 Euro

 

Alexander Osang ist beileibe kein Unbekannter. Der 1962 geborene, mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Journalist (Spiegel) und Schriftsteller ist mir schon öfter (z.B. durch den schönen Roman „Lennon ist tot“) positiv aufgefallen. Doch mit seinem neuesten Buch „Die Leben der Elena Silber“, das auch auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2019 stand, hat er sich selbst übertroffen. Vielleicht liegt das auch daran, dass es sein bisher persönlichster Roman ist? Es handelt sich nicht direkt um seine eigene Familiengeschichte, aber es ist stark an ihr orientiert. Romane, die einem Autor aufgrund der eigenen Biografie besonders wichtig sind, sind nun nicht unbedingt ein Grund dafür, dass ein Text besonders gut gelingt, es könnte ja auch ganz im Gegenteil erst recht in die Hose gehen. Ich freue mich, dass das hier ganz und gar nicht der Fall ist!

Anfang des letzten Jahrhunderts, ein kleiner Ort im noch zaristischen Russland: Viktor Krasnik, ein Handwerker, Bolschewik, wird auf grausame Weise von zaristischen Soldaten hingerichtet. Seine Frau und die zwei Kinder müssen fliehen. Das damals knapp dreijährige Mädchen Jelena ist die Hauptfigur des Romans, der bis in die Gegenwart, ins Berlin von 2017, hineinreicht. Konstantin Stein, Jelenas Enkel, ein nicht sehr erfolgreicher Filmemacher auf der Suche nach „seinem Thema“ reist gemeinsam mit seinem Cousin nach Russland, um der Geschichte seiner Familie nachzuspüren. Doch er muss erkennen, dass sehr viel Zeit vergangen ist, vieles nicht mehr nachvollziehbar ist, viele schon verstorben sind und andere nichts sagen wollen oder nichts zu sagen haben. Eigentlich erstaunlich, dass trotzdem das Leben seiner Großmutter, die auf dem Weg von Russland nach Deutschland viel mehr als nur das „J“ am Anfang ihres Namens verloren hat und das ihrer fünf Töchter so lebendig vor den Augen des Lesers entstehen. Jelena arbeitet im stalinistischen Russland als Übersetzerin, sie verliebt sich – nachdem ihre Jugendliebe in eine andere Stadt verschwunden ist –in den deutschen Ingenieur Robert Silber und folgt ihm nach Deutschland. Und das 1936 – in das Nazi-Berlin in dem gerade die Olympiade stattfindet.

Auf welcher Seite ihr Mann politisch steht, wird nie ganz klar, seine Arbeit findet mehr und mehr im Geheimen statt und er verändert sich zunehmend zum Schlechteren.
Bald ist sie alleine mit 5 Kindern, von denen eines dann auch noch in den Kriegs- und Mangeljahren stirbt. Ihr Leben und das ihrer Töchter sind auch beispielhaft für viele Leben die durch Stalinismus, durch Faschismus und Krieg auf vielfältige Weise gebrochen worden sind.

Osang gelingt es, eine ganz und gar persönliche, stellenweise tieftraurige, Geschichte zu schreiben mit beschädigten, dennoch starken Charakteren, mit denen man als Leser mitfühlt. Doch bettet er diese geschickt in die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts mit ein. Eine wahre Freude für Leser von guten Familiengeschichten wie auch für alle politisch und zeitgeschichtlich Interessierten!

Elvira Hanemann

Zurück zu den Buchempfehlungen