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Leseprobe II: Friedenau erzählt, Band 2

Beitragsseiten

 

 

Das Cover der Dokumentaion Friedenau erzahlt - Geschichten aus einem Berliner Vorort 1914-1933

 

Friedenau erzählt, Geschichten aus einem Berliner Vorort 1914 bis 1933 (Band 2)

Der erste Weltkrieg, das Ende des Kaiserreiches und die Revolution ziehen an Friedenau nicht spurlos vorüber. Die großen politischen Umwälzungen und Ereignisse dieser Epoche bis hin zur Machtübernahme der Nationalsozialisten werfen ihre dunklen Schatten auch in unsere kleine Landgemeinde, die 1920, in Schöneberg integriert, zu einem Teil der Metropole Berlin geworden ist.

Zahlreiche längst vergessene Geschichten, Erinnerungen, Zeitungsartikel, Briefe und unveröffentlichte Schriftstücke wurden für diese Dokumentation zusammengetragen. Wie schon der erste Band ist auch dieser reich mit Originaldokumenten wie historischen Fotografien, Plänen, Annoncen und Ansichtskarten illustriert.

Eine Dokumentation von Hermann Ebling, Verlag edition Friedenauer Brücke, Format 17 x 25 cm, 352 Seiten, über 350 Abbildungen, gebunden, mit Lesebändchen, erschienen 12/2008

ISBN-13: 978-3-9811242-2-4, 39,00 Euro

Für die Bestellung wenden Sie sich bitte an Ihre Buchhandlung oder via E-Mail direkt an den Verlag: mail(at)friedenauer-bruecke.de

Leseprobe, Teil 1:

Raaks Restaurant in Friedenau, Gruppenbild vor dem Restaurant, 1922

 

Raaks Restaurant in Friedenau, Gruppenbild vor dem Restaurant, 1922 

So leben wir!

Aus einem Friedenauer Restaurant schickt uns ein Leser folgende kleine Beobachtung: Ein Herrchen von 17 Jahren bestellt nacheinander eine Reihe von Cognaks, zwei Zigarren à 180 Mk. (!) und obendrein eine Flasche Sekt. Gesamtrechnung: 1320 Mk. Der junge Brieftaschenheld bezahlt mit drei Fünfhundertmarkscheinen und überläßt den Rest dem Kellner als Extra-Trinkgeld. – Bezeichnende Zustände: Auf der einen Seite Leute, die ihre letzte Kraft aufbieten müssen, um sich über Wasser zu halten, auf der anderen Seite hoffnungsreiche Sprösslinge, die das Geld mit vollen Händen auf die Straße werfen. Schöneberg-Friedenauer Lokal-Anzeiger August 1922

Jäher Tod.

Herr Kommissionsrat, Gemeindeältester und Ehrenbürger Heinrich Sachs, ehemaliger Friedenauer Gemeindeverordneter, Wilhelmstraße 5–6, ist gestern abend am Südwestkorso beim Absteigen von der Straßenbahn der Linie 69 von dem Anhängerwagen überfahren worden und war infolge Schädelbruches sofort tot. Sein Name bleibt. Ein Mann, in dem sich so viel Güte, Edelsinn, Hilfsbereitschaft, Unermüdlichkeit und Unverdrossenheit vereinigt haben, wird nicht vergessen werden können. Möge ihm reich vergolten werden nach der segensvollen Aussaat seines Lebenswerkes. Er ruhe in Frieden. Schöneberg-Friedenauer Lokal-Anzeiger, September 1922

 


 

 

Straßenszene in Friedenau, 1920er JahreKleinstädtisches

Friedenau, von dem im Nachfolgenden die Rede ist, liegt nicht in Großberlin, sondern in Hinterpommern. Friedenau in Hinterpommern trägt noch zahlreiche Merkmale einer Kleinstadt. In dieser Kleinstadt, da sind alle Fenster Augen und jede Wand hat vier Ohren. Da ist morgens die erste Frage: „Ich bin bloß mal gespannt, ob die Frau Kommerzienrat heute auch wieder ihr ‚blaues‘ anhat und ob sie heute auch wieder mit der Frau doppelten Buchhalterin spazieren geht, die doch gar keine Gesellschaft für sie ist.“

Ja, die Kleinstadt! Da steht der Herr Doktor hoch über dem Tierarzt und das „Herr Kollege“ kann er sich deswegen unmöglich gefallen lassen. Die Frau Oberamtsrichter schaut auf die Frau Amtsrichter mit dem Fernrohr hinunter und seitdem die Notarstöchter über Nacht Justizratstöchter geworden sind, können sie um alles in der Welt nicht mehr die Frau Lehrerin vorausgrüßen. Der Herr Inspektor regt sich darüber auf, daß sein Restaurant von Friederike Raack, Rheinstraße 40, Wohnungsnachbar, trotz jeglichen Mangels an Bauch im Kino auf Loge geht und die kohlensaure Jungfrau von der Selterswassergesellschaft hält es unter aller Würde, daß der erste Verkäufer von Bimbambel’s Gemischter Kolonialwarenhandlung die Limonade direkt aus der Flasche trinkt.

Haben in der Kleinstadt zwei junge Herzen Feuer gefangen, sind bald auch zwanzig Hände am Werk, aus Aerger ein paar Eimer Gift und Unrat hieneinzuschütten. Vom Adel jeglicher Arbeit weiß manch einer da gar wenig und Faulenzen ist manchen Mamatöchterchens vornehmste Beschäftigung. Clementinchen hat zwar ein Musikgehör wie ein Regenwurm, aber sie muß trotzdem Stunden nehmen und bis sie die „Donauwellen“ spielen kann, muß sich Frau Mama manchen Abend des Jahres mit Leberkäs begnügen.

Vielleicht gibt es einmal eine Vereinsfeier, wo sie – stecken bleiAnzeige des Hutsalons Johanna König aus den 1920er Jahrenbt. In der Kleinstadt Friedenau in Hinterpommern, da schlägt jede neue Mode und wenn sie noch so albern ist, postwendend ein. Ueber Nacht hat die halbe Kleinstadt plötzlich bunte Haarnetze Anzeige des Hutsalons Johanna König aus den 1920er Jahren bekommen, die aus allen möglichen und unmöglichen farbenschreienden Galgenstricken gemacht sind. Und diese kleinstädtischen Modetöchter merken gar nicht einmal, wie ausgesucht-abscheulich diese Dinger in Wirklichkeit sind, wegen derer (nicht wegen der Modetöchter, sondern wegen der Haarnetze!) jeder einer und jede eine, die schon einmal etwas von Geschmacksverwilderung gehört hat, vielsagend die Mundwinkel verzieht.

In der Kleinstadt, da guckt der Neid dem anderen in die Fenster hinein und ringt schwer nach Luft, wenn jener für einen Sechser mehr Umsatz gemacht hat als er, der Herr Neidhammel. In der Kleinstadt ist als satisfaktionsfähig gestrichen, wer statt reinen Bohnenkaffee nur noch Marke „Halberich“ hinter die Binde gießt. In der Kleinstadt, da gibt es Klatschbasen mit langen Haaren auf der Zunge, die morgens um 9 Uhr zum Markt gehen, in der Rhein-Straße dann geschlagene zwei Stunden und 27 Minuten mit plätscherndem und sprudelndem Mundwerk beisam-menstehen und schließlich nur mit der einen Bedauernis auseinandergehen, daß ihnen der anwohnende Geschäftsmann nicht ein paar Stühle mit Sitzpolster auf den Bürgersteig gestellt hat.So etwas gibts natürlich nur in Hinterpommern. Unser Friedenau ist ein Glied am Leibe der Weltstadt Berlin. Da kennt man solche Spießbürgereien natürlich nicht. Und darauf dürfen wir uns schon etwas einbilden! Schöneberg-Friedenauer Lokal-Anzeiger September 1922

 


 

 

Eine Zeichnung aus dem Friedenauer Lokalanzeiger, 1926

 

Eine Zeichnung aus dem Friedenauer Lokalanzeiger, 1926 

Leseprobe, Teil 2:

Berlin will den Friedrich-Wilhelm-Platz skalpieren

Die Straßenbahngleise um den Friedrich-Wilhelm-Platz sind seit langer Zeit erneuerungsbedürftig. Dies gibt der Straßenbahn Anlaß zu versuchen, zum Nachteil der Allgemeinheit für sich einen Extravorteil herauszuholen. Sie verlangt die Schienen auf einen besonderen, erhöhten Bahnkörper verlegen zu dürfen, der eine Rasendecke erhalten soll. Zur Ausführung des eingereichten Bauentwurfes ist die Veränderung des rings um den Platz führenden Bürgersteiges notwendig, der etwas verschmälert und auf der Ostseite um einen halben Meter, auf der Westseite um ein und einen halben Meter in die Anlagen hineingeschoben werden muß. Bei der Länge des Platzes bedeutet das eine Verminderung der Schmuckfläche um rund 400 Quadratmeter.

Daß durch diese Einbuße an Grünfläche die Einwohnerschaft Friedenaus empfindlich geschädigt und durch die Aenderung der Geleise erhöht gefährdet wird, kann die selbstsüchtige Straßenbahn in keiner Weise stören. Sie bietet ja ihrer Meinung nach durch die Ansamung des Geleiskörpers mit Rasen sogar doppelten Ersatz. Wenn nur sie alljährlich ihre Silberlinge durch Ersparnis an Unterhaltungskosten für diese kurze Strecke in der Tasche behalten kann! Schnöde Profitsucht! Und das bei einer Strecke, die notorisch der Straßenbahn die höchsten Einnahmen vom ganzen Groß-Berliner Straßenbahnnetz bringt! Auf, ihr Bürger! Laßt euch eure Grünflächen, deren Friedenau nur wenige und in bescheidenem Umfange hat, nicht schmälern! Laßt euch das Herzstück eurer Schmuckanlagen nicht verschandeln! Denn eine Verschandelung des Platzes wird dieser Eingriff in die Anlagen immer zur Folge haben trotz der Versicherung, daß n u r  e i n e  Birke von dem gesamten Baumbestand zu beseitigen sei.

Die in Frage kommenden Dienststellen unseres Bezirksamtes Schöneberg-Friedenau haben mehrfach in voller Einstimmigkeit die verschiedenen Anträge der Straßenbahn abgelehnt. Leider hat aber der Magistrat Berlin, an den sich die Straßenbahn dann wandte, ohne auf die wohlgegründeten Einsprüche unserer Verwaltung einzugehen, ihr die Genehmigung zur Veränderung der Schienenanlage auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz erteilt. So wahrt der hohe Magistrat von Berlin die wohlerworbenen Rechte der Einzelbezirke! Statt ein Hüter der Interessen der Bürgerschaft zu sein, tritt er sie hier mit Füßen, schädigt er die ganze Einwohnerschaft Friedenaus. Verständlich ist diese Stellungnahme nicht, auch nicht, wenn man sich erinnert, daß die Stadt Berlin an der Straßenbahn beteiligt ist. Nur S c h ä d i g u n g e n sind der Bürgerschaft aus dieser Aenderung gewiß! Darum erheben wir nachdrücklichen Protest gegen die Vergewaltigung unserer Bezirksverwaltung und der Bürgerschaft und gegen die Verhunzung unseres schönsten Platzes. Wie uns mitgeteilt wird, findet am Mittwoch, 2. Juni, nachmittags 5½ Uhr, im Gemeindehaussaal, Kaiserallee 76a, eine öffentliche Protestversammlung statt, zu der die gesamte Einwohnerschaft dringend eingeladen wird. Schöneberg-Friedenauer Lokal-Anzeiger März 1926

 


 

 

Gegen die Verschandelung des Friedrich-Wilhelm-Platzes
Ein Cartoon aus dem Schöneberg-Friedenauer Lokal-Anzeiger aus den 1920er Jahren

Das Projekt der Straßenbahn ist bereits vom Magistrat Berlin über die Köpfe unseres Bezirksamtes hinweg genehmigt Ein Cartoon aus dem Schöneberg-Friedenauer Lokal-Anzeiger aus den 1920er Jahrenworden. Um hiergegen allerschärfsten Protest zu erheben, hatten einige berufene Männer Friedenaus gestern die Einwohnerschaft zur Teilnahme an einer Versammlung im Gemeindehaus angefordert. Trotz der verhältnismäßig ungünstigen Stunde (½6 Uhr) hatten sich sehr viele Friedenauer eingefunden, ein erfreuliches Zeichen für die Heimatliebe unserer Einwohner.

Prof. v. Wrochem wurde zum Versammlungsleiter gewählt. Er begrüßte alle Anwesenden, dankte für das zahlreiche Erscheinen und übertrug das Referat Herrn Brücker. Der Referent wies darauf hin, daß Friedenau vor 50 Jahren noch kahles Land gewesen sei. Nur in der heutigen Rheinstraße hätten Eichen gestanden. Später sei auch die Kaiserallee unter Herrn Carstenn mit Bäumen bepflanzt worden und allmählich hätten alle Straßen Baumschmuck erhalten. Man könne es den ersten Kolonisten nicht genug danken, daß sie auf diese Weise für die Verschönerung Friedenaus gesorgt hätten und die Freude hieran habe sich auch auf die Nachkommen vererbt. Gerade Friedenau übe wegen seiner hübschen Anlagen und wegen seines Baumschmuckes große Anziehungskraft aus. Trotzdem seien die Grünflächen unseres Ortsteiles nicht zahlreich.

Durch das Projekt der Straßenbahn, die Gleise auf einen erhöhten Bahnkörper zu verlegen, würde der Platz um rund 400 Quadratmeter geschmälert werden. Außerdem würde durch die beabsichtigte Neuordnung die Einheitlichkeit gestört, der schöne Schmuckplatz verhunzt werden. Aus diesen Gründen habe das Bezirksamt und die Tiefbaudeputation bereits im vorigen Jahre einen Antrag der Straßenbahn abgelehnt, und auch der jetzige erneute Antrag habe keine Billigung gefunden. Schöneberg-Friedenauer Lokal-Anzeiger Juni 1926
 

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