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Leseprobe II: Friedenau erzählt, Band 2

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Straßenszene in Friedenau, 1920er JahreKleinstädtisches

Friedenau, von dem im Nachfolgenden die Rede ist, liegt nicht in Großberlin, sondern in Hinterpommern. Friedenau in Hinterpommern trägt noch zahlreiche Merkmale einer Kleinstadt. In dieser Kleinstadt, da sind alle Fenster Augen und jede Wand hat vier Ohren. Da ist morgens die erste Frage: „Ich bin bloß mal gespannt, ob die Frau Kommerzienrat heute auch wieder ihr ‚blaues‘ anhat und ob sie heute auch wieder mit der Frau doppelten Buchhalterin spazieren geht, die doch gar keine Gesellschaft für sie ist.“

Ja, die Kleinstadt! Da steht der Herr Doktor hoch über dem Tierarzt und das „Herr Kollege“ kann er sich deswegen unmöglich gefallen lassen. Die Frau Oberamtsrichter schaut auf die Frau Amtsrichter mit dem Fernrohr hinunter und seitdem die Notarstöchter über Nacht Justizratstöchter geworden sind, können sie um alles in der Welt nicht mehr die Frau Lehrerin vorausgrüßen. Der Herr Inspektor regt sich darüber auf, daß sein Restaurant von Friederike Raack, Rheinstraße 40, Wohnungsnachbar, trotz jeglichen Mangels an Bauch im Kino auf Loge geht und die kohlensaure Jungfrau von der Selterswassergesellschaft hält es unter aller Würde, daß der erste Verkäufer von Bimbambel’s Gemischter Kolonialwarenhandlung die Limonade direkt aus der Flasche trinkt.

Haben in der Kleinstadt zwei junge Herzen Feuer gefangen, sind bald auch zwanzig Hände am Werk, aus Aerger ein paar Eimer Gift und Unrat hieneinzuschütten. Vom Adel jeglicher Arbeit weiß manch einer da gar wenig und Faulenzen ist manchen Mamatöchterchens vornehmste Beschäftigung. Clementinchen hat zwar ein Musikgehör wie ein Regenwurm, aber sie muß trotzdem Stunden nehmen und bis sie die „Donauwellen“ spielen kann, muß sich Frau Mama manchen Abend des Jahres mit Leberkäs begnügen.

Vielleicht gibt es einmal eine Vereinsfeier, wo sie – stecken bleiAnzeige des Hutsalons Johanna König aus den 1920er Jahrenbt. In der Kleinstadt Friedenau in Hinterpommern, da schlägt jede neue Mode und wenn sie noch so albern ist, postwendend ein. Ueber Nacht hat die halbe Kleinstadt plötzlich bunte Haarnetze Anzeige des Hutsalons Johanna König aus den 1920er Jahren bekommen, die aus allen möglichen und unmöglichen farbenschreienden Galgenstricken gemacht sind. Und diese kleinstädtischen Modetöchter merken gar nicht einmal, wie ausgesucht-abscheulich diese Dinger in Wirklichkeit sind, wegen derer (nicht wegen der Modetöchter, sondern wegen der Haarnetze!) jeder einer und jede eine, die schon einmal etwas von Geschmacksverwilderung gehört hat, vielsagend die Mundwinkel verzieht.

In der Kleinstadt, da guckt der Neid dem anderen in die Fenster hinein und ringt schwer nach Luft, wenn jener für einen Sechser mehr Umsatz gemacht hat als er, der Herr Neidhammel. In der Kleinstadt ist als satisfaktionsfähig gestrichen, wer statt reinen Bohnenkaffee nur noch Marke „Halberich“ hinter die Binde gießt. In der Kleinstadt, da gibt es Klatschbasen mit langen Haaren auf der Zunge, die morgens um 9 Uhr zum Markt gehen, in der Rhein-Straße dann geschlagene zwei Stunden und 27 Minuten mit plätscherndem und sprudelndem Mundwerk beisam-menstehen und schließlich nur mit der einen Bedauernis auseinandergehen, daß ihnen der anwohnende Geschäftsmann nicht ein paar Stühle mit Sitzpolster auf den Bürgersteig gestellt hat.So etwas gibts natürlich nur in Hinterpommern. Unser Friedenau ist ein Glied am Leibe der Weltstadt Berlin. Da kennt man solche Spießbürgereien natürlich nicht. Und darauf dürfen wir uns schon etwas einbilden! Schöneberg-Friedenauer Lokal-Anzeiger September 1922