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Leseprobe II: Friedenau erzählt, Band 2

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Eine Zeichnung aus dem Friedenauer Lokalanzeiger, 1926

 

Eine Zeichnung aus dem Friedenauer Lokalanzeiger, 1926 

Leseprobe, Teil 2:

Berlin will den Friedrich-Wilhelm-Platz skalpieren

Die Straßenbahngleise um den Friedrich-Wilhelm-Platz sind seit langer Zeit erneuerungsbedürftig. Dies gibt der Straßenbahn Anlaß zu versuchen, zum Nachteil der Allgemeinheit für sich einen Extravorteil herauszuholen. Sie verlangt die Schienen auf einen besonderen, erhöhten Bahnkörper verlegen zu dürfen, der eine Rasendecke erhalten soll. Zur Ausführung des eingereichten Bauentwurfes ist die Veränderung des rings um den Platz führenden Bürgersteiges notwendig, der etwas verschmälert und auf der Ostseite um einen halben Meter, auf der Westseite um ein und einen halben Meter in die Anlagen hineingeschoben werden muß. Bei der Länge des Platzes bedeutet das eine Verminderung der Schmuckfläche um rund 400 Quadratmeter.

Daß durch diese Einbuße an Grünfläche die Einwohnerschaft Friedenaus empfindlich geschädigt und durch die Aenderung der Geleise erhöht gefährdet wird, kann die selbstsüchtige Straßenbahn in keiner Weise stören. Sie bietet ja ihrer Meinung nach durch die Ansamung des Geleiskörpers mit Rasen sogar doppelten Ersatz. Wenn nur sie alljährlich ihre Silberlinge durch Ersparnis an Unterhaltungskosten für diese kurze Strecke in der Tasche behalten kann! Schnöde Profitsucht! Und das bei einer Strecke, die notorisch der Straßenbahn die höchsten Einnahmen vom ganzen Groß-Berliner Straßenbahnnetz bringt! Auf, ihr Bürger! Laßt euch eure Grünflächen, deren Friedenau nur wenige und in bescheidenem Umfange hat, nicht schmälern! Laßt euch das Herzstück eurer Schmuckanlagen nicht verschandeln! Denn eine Verschandelung des Platzes wird dieser Eingriff in die Anlagen immer zur Folge haben trotz der Versicherung, daß n u r  e i n e  Birke von dem gesamten Baumbestand zu beseitigen sei.

Die in Frage kommenden Dienststellen unseres Bezirksamtes Schöneberg-Friedenau haben mehrfach in voller Einstimmigkeit die verschiedenen Anträge der Straßenbahn abgelehnt. Leider hat aber der Magistrat Berlin, an den sich die Straßenbahn dann wandte, ohne auf die wohlgegründeten Einsprüche unserer Verwaltung einzugehen, ihr die Genehmigung zur Veränderung der Schienenanlage auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz erteilt. So wahrt der hohe Magistrat von Berlin die wohlerworbenen Rechte der Einzelbezirke! Statt ein Hüter der Interessen der Bürgerschaft zu sein, tritt er sie hier mit Füßen, schädigt er die ganze Einwohnerschaft Friedenaus. Verständlich ist diese Stellungnahme nicht, auch nicht, wenn man sich erinnert, daß die Stadt Berlin an der Straßenbahn beteiligt ist. Nur S c h ä d i g u n g e n sind der Bürgerschaft aus dieser Aenderung gewiß! Darum erheben wir nachdrücklichen Protest gegen die Vergewaltigung unserer Bezirksverwaltung und der Bürgerschaft und gegen die Verhunzung unseres schönsten Platzes. Wie uns mitgeteilt wird, findet am Mittwoch, 2. Juni, nachmittags 5½ Uhr, im Gemeindehaussaal, Kaiserallee 76a, eine öffentliche Protestversammlung statt, zu der die gesamte Einwohnerschaft dringend eingeladen wird. Schöneberg-Friedenauer Lokal-Anzeiger März 1926