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Karl und Luise Kautsky

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Ein Beitrag von Eva Liebchen

Das Haus Saarstraße 14, in dem der Sozialdemokrat Karl Kautsky von  1900 - 1902 lebte.

 

Karl Kautsky wurde am 16.10.1854 in Prag geboren, kam aber schon als Kind nach Wien und wuchs dort in einer ganz und gar deutschen Umgebung auf. Schon bald nahmen ihn die Ideen des Sozialismus gefangen, die in seiner Wiener Umgebung aber nichts als Hohn und Spott ernteten. Erst während seines Studiums wurde er auf die Schriften Lassalles aufmerksam, gab sein Studium der Philosophie auf und wandte sich speziell dem Studium des Marxschen „Kapital“ zu. 1875 schloss er sich der SoziDas Haus Saarstraße 14, in dem der Sozialdemokrat Karl Kautsky von 1900 - 1902 lebte.aldemokratischen Partei an, suchte die Korrespondenz mit Wilhelm Liebknecht und besuchte ihn und Bebel 1876 in Leipzig. Der Kontakt zu Liebknecht enthob ihn auch der Sorge um einen Beruf, denn als tätiger Sozialdemokrat war es damals unmöglich, Lehrer oder Professor zu werden. Und nach diversen Versuchen als Maler und Schriftsteller vermittelte ihn Liebknecht an einen vermögenden Frankfurter Privatgelehrten, der nicht nur Kautsky als seinen ständigen Mitarbeiter einstellte sondern auch die Sozialdemokraten während des Sozialistengesetzes finanziell unterstützte.

Im März 1881 wurde er von der Parteileitung nach London zu Marx und Engels geschickt, um die Verbindung, die Bernstein und Bebel bereits geknüpft hatten, zu erhalten und zu vertiefen und war damit – so sieht er es in seinen Erinnerungen selbst – auf eine „Lebensbahn als sozialdemokratischer Parteischriftsteller“ gekommen.

Um dem politischen Geschehen und der Sozialdemokratie ganz nahe zu sein, zog er mit seiner Frau Luise nach Berlin und für etliche Jahre nach Friedenau, erst  in die Saarstraße 14 (1902), wo eine Gedenktafel an ihn erinnert, und später in die Niedstraße 14 (1910). Seine Frau Luise entstammte einer wohlhabenden jüdischen Familie und war schon bewusste Sozialistin, als sie Karl Kautsky kennenlernte. Sie war – so sagen Zeitzeugen – eine liebenswürdige und geistvolle Gastgeberin für die zahlreichen Besucher aus aller Welt. Mit Rosa Luxemburg war sie befreundet, und August Bebel, der ja nicht weit entfernt am Innsbrucker Platz wohnte, fand sich fast jeden Sonntag als Abendgast ein. Sie war aber auch so vollkommen mit der Arbeit ihres Mannes vertraut, dass sie eine große Reihe wertvoller Übersetzungen zur Problematik des wissenschaftlichen Sozialismus vornahm.

Am bekanntesten wurde Kautsky durch das „Erfurter Programm“, das Parteiprogramm der Sozialdemokraten von 1891, und die Herausgabe  der Zeitschrift „Neue Zeit“ (1883 bis 1917). Sie war das legale Organ einer zeitweise illegalen Partei und hat den Marxismus in die deutsche Sozialdemokratie vermittelt. Eine Zeitzeugin schreibt, dass es „Karl Kautsky war, der uns Jungen damals erst Karl Marx und den Sozialismus so nahe brachte, dass wir ihn verstehen konnten. Alle, die wir uns zu Ende des 19. und zu Anfang dieses Jahrhunderts abmühten, in die sozialistische Ideenwelt einzudringen, verdanken es der Hilfe Karl Kautskys“.


 


 

 


Das Erfurter Programm war nach Beendigung des Sozialistengesetzes das Programm, das Engels und Bebel aus einer großen Reihe von Entwürfen auswählten und dem sich auch die Programmkommission anschloss und zum Parteiprogramm erhob. Seine Grundsätze haben das Selbstverständnis der SPD im Kaiserreich und weit darüber hinaus entscheidend geprägt. Nur einige wichtige Punkte seien hieraus zitiert:

  • Entscheidung über Krieg und Frieden durch die gewählten Vertreter des Volks,
  • Abschaffung der Klassenherrschaft,
  • Allgemeines, gleiches direktes Wahl- und Stimmrecht mit geheimer Stimmabgabe ohne Unterschied des Geschlechts,
  • Abschaffung aller Gesetze, welche die freie Meinungsäußerung einschränken oder unterdrücken,
  • Abschaffung aller Gesetze, welche die Frau gegenüber dem Mann benachteiligen,
  • Verbot der Nachtarbeit


In den Wirren des 1. Weltkrieges löste sich Kautskys Bindung an Berlin allmählich. Er ging nach Wien und später, als Hitler Wien eroberte, nach Prag und weiter nach Amsterdam. Dort ist Karl Kautsky 1938, 84-jährig, gestorben. Der jüngste von seinen drei Söhnen – die übrigens in ihrer Friedenauer Zeit das Friedenauer Gymnasium (heute die Friedrich-Bergius-Schule, Anm. d. Red.) am heutigen Perelsplatz besuchten, hatte die Flucht ins Ausland nicht geschafft und kam ins KZ. Deshalb konnte sich auch Luise Kautsky nicht entschließen, der Einladung von Freunden nach England zu folgen, weil sie von dort überhaupt keinen Kontakt mehr zu ihrem Sohn gehabt hätte. Wenige Tage nach ihrem 80. Geburtstag wurde sie ebenfalls verhaftet und nach Auschwitz gebracht. Im Dezember 1944 starb sie nach einem beschwerlichen Transport, ohne ihren Sohn, der nur wenig entfernt von ihr untergebracht war, wiedergesehen zu haben.
Die Gedenktafel für Karl Kautsky am Haus in der Saarstraße 14
Die letzten Sätze aus Kautskys Lebenserinnerungen lauten: „Ob meine Lebensarbeit dem gesellschaftlichen Fortschritt gedient hat, ob sie in der richtigen Richtung vor sich gegangen ist, darüber steht die Entscheidung mir nicht zu. Wohl aber darf ich sagen, dass ich seit einem halben Jahrhundert, seitdem ich eine bestimmte Richtung eingeschlagen, nie wieder an ihr irre geworden bin. Ich hatte manche Illusion zu begraben und richtig zu stellen, meine Auffassungen hatten bis in die jüngste Zeit manche Entwicklung durchzumachen. Aber jede neue Einsicht diente nur dazu, meine Überzeugung von der Richtigkeit der Richtung, die ich eingeschlagen, und der Methode, die ich angewandt, zu vertiefen. So werde ich sterben, wie ich gelebt, als unverbesserlicher Marxist.“

 

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